Emotionale Intelligenz im Führungsfokus

Emotionale Intelligenz im Führungsfokus

Emotionale Intelligenz im Führungsfokus

Führungsarbeit ist Arbeit an professionellen Beziehungen, die wiederum ganz wesentlich von den Emotionen der beteiligten Personen gesteuert werden. Emotionale Intelligenz heißt die Schlüsselkompetenz, die in einer komplexen Welt immer größere Bedeutung erlangt und zugleich immer seltener anzutreffen ist. Die Fähigkeit, andere Menschen und sich selbst besser verstehen zu können, kann auch mit einfachen, körperorientierten Übungen trainiert werden.

Hinsichtlich des Nutzens körperlicher Betätigung denkt jeder natürlich sofort an Gesundheitsfaktoren und Fitness, optische Aspekte und möglicherweise an Wettkämpfe und Leistungssport. Dass Bewegung psychische Gesundheit unterstützen kann, ist mittlerweile Inhalt wissenschaftlicher Studien.

Dass Bewegung die eigene Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten, verbessert, ist hingegen kaum bekannt. Das Schlüsselwort hierzu ist emotionale Intelligenz, die durch gezielte körperliche Aktivität positiv beeinflusst werden kann. Als emotionale Intelligenz versteht man eine Metapher für die Fähigkeit, eigene und die Gefühle anderer zu verstehen und das Verhalten daran zu orientieren(1). Diese Definition lässt aufhorchen: als Führungskraft macht man das ohnedies – möchte man meinen. Die Realität dürfte anders aussehen, denn auf Gefühle zu achten wird im Business im besten Fall belächelt und als Schwäche abgetan. Jeder von uns kennt das Dogma der Wirtschaftswelt „Bloß nicht persönlich werden!“. Doch liegt die Kunst der Menschenführung genau darin: die Gefühle und Bedürfnisse vieler Menschen in der Ausrichtung auf ein vorgegebenes Ziel unter einen Hut zu bringen.

Über den Körper die emotionale Intelligenz stärken

In einer Studie an der Universität Wien konnte unser Senior Partner Lukas Ofner-Reßler vor einigen Jahren empirisch einen Zusammenhang zwischen Körperübungen und bestimmten Elementen der emotionalen Intelligenz nachweisen(2).
So verbesserte sich bei Anwendung der Körperübungen die Fähigkeit emotionalen Inhalten Aufmerksamkeit zu schenken; die Fähigkeit, Emotionen zu steuern und auch die Fähigkeit Klarheit über Emotionen zu haben.
Das bedeutet, dass man durch entsprechende Körperübungen Emotionen in Gesichtern und bei sich selbst besser wahrnehmen kann, ihre Bedeutung klarer erkennt und man diese Emotionen sowohl bei sich als auch bei anderen Personen besser beeinflussen kann.

„Schön und gut, aber was bringt mir das im beruflichen Alltag?“, werden sie vielleicht fragen.

Der Psychologe Kurt Lewin entwickelte zu Beginn des vorigen Jahrhunderts die heute sehr häufig gebrauchten Begrifflichkeiten der Führungstile (demokratisch, autoritär, laissez-faire). Von ihm stammt die Aussage, dass Führung weniger in der Anwendung von Managmenttechniken besteht als in der Gestaltung von professionellen Beziehungen. Womit sich der Kreis schließt: Beziehungen lassen sich nur dann aktiv und professionell gestalten, wenn die Akteure in der Lage sind, ihr Gegenüber zu verstehen – und das vor allem auch auf der emotionalen Ebene.

Auch Kommunikationswissenschafter wie Paul Watzlawick oder Friedemann Schultz-von-Thun haben uns schon vor geraumer Zeit darauf hingewiesen, dass das, was wir sagen, nicht unbedingt dem entsprechen muss, was wir meinen, fühlen oder denken und schon überhaupt nicht mit dem zusammenhängen muss, wie wir uns verhalten. Der Motor hinter diesen Phänomenen sind unsere Emotionen.

In der Führungsarbeit ist es daher enorm hilfreich, die Emotionen unserer Mitmenschen und – fast noch wichtiger – unsere eigenen Emotionen samt ihrer Bedeutung zu erkennen und auch zu beeinflussen zu können.

Wer übt, wird Meister. Wer übt, bleibt Meister. Wer nicht mehr übt, war Meister.

Das Schöne ist, dass es eigentlich keiner großen Sprünge bedarf, um diese Fähigkeiten zu stärken. Was sie dazu allerdings benötigen ist der Wille, sich diesem Thema zu widmen, denn nur durch regelmäßiges Üben können sie langfristig Verbesserungen erkennen und nutzen – auch wenn die erwähnte Studie bereits nach einem Tag signifikante Unterschiede nachweisen konnte.

Was tun?

Für das Training ihrer emotionalen Intelligenz über körperliche Übungen eignen sich natürlich sämtliche Meditations-, Achtsamkeits- und Entspannungstechniken, die ihnen helfen, den Fokus ihrer Aufmerksamkeit zu verschieben und sich und ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen. Ob sie sich an Yoga, Qi Gong oder asiatischen Kampfsportarten versuchen ist dabei nebensächlich. Wir sind große Freunde der bioenergetischen Analyse nach Wilhelm Reich und Alexander Lowen(3), die Psychotherapie und körperorientierte Ansätze verbanden und auf Übungen aus oben genannten Techniken zurückgriffen bzw. viele eigene Übungen entwickelten.

Körperübungen für den Alltag

Ich möchte ihnen zwei einfache Übungen nennen, die sie ohne Probleme am Weg zur Arbeit oder in der Mittagspause durchführen können. Keine Angst – es handelt sich nicht um Sport!

Achtsam gehen

Sie haben richtig gelesen – „Gehen!“. Schon Sigmund Freud experimentierte bei seiner Psychoanalyse mit Spaziergängen und die gesundheitsförderliche Wirkung von Wandern in der Natur ist ja mittlerweile hinlänglich bewiesen. Die Bioenergetik sieht den Kontakt zwischen den Füßen und dem Grund auf dem wir stehen als überaus bedeutsam an, spiegelt er doch unsere Fähigkeit, in Kontakt zu treten wider. Achten sie einmal darauf, wie ihre Gespräche verlaufen, wenn ihre Füße guten, satten Stand zum Boden haben oder eher nicht. Wenn sie einen Spaziergang machen, verschieben sie ihre Aufmerksamkeit mal auf die Art und Weise, wie sie den Boden berühren. Experimentieren sie auch, indem sie den Fuß abrollen, platt aufsetzen oder auf den Außenkanten gehen. Stellen sie sich vor, in nassem Sand zu gehen und möglichst schöne Fußabdrücke zu hinterlassen. Konzentrieren sie sich auf den Kontakt ihrer Füße zum Boden, erfühlen die Beschaffenheit des Untergrundes über ihre Fußsohlen. Eine Erweiterung dieser Übung könnte sein, Personen, die ihnen entgegenkommen, anzulächeln – der einfachste Weg in Kontakt zu treten und zugleich manchmal der schwierigste. Achten sie auf die Reaktion ihres Gegenübers.

Bogen und Qualle

Dies ist der Klassiker unter den Bioenergetischen Körperübungen und stärkt den Kontakt zum Boden. Alexander Lowen nennt dies auch „Grounding“ oder Erdung. Zunächst starten sie mit Hüpfen oder Laufen am Stand, wichtig ist – wie beim Gehen – die Kontaktfläche ihrer Füße am Boden zu spüren. Stempeln sie den Boden richtig gut ab! Nun gehen sie in den Bogen: biegen sie mit leicht gebeugten Knien und nach oben ausgestreckten Armen ihren Oberkörper nach hinten, indem sie ihr Becken nach vorne schieben. Der Kopf bleibt dabei aufrecht. Fallen sie nicht ins Hohlkreuz und meiden sie schmerzhafte Positionen. Positiv sind hingegen leichte Vibrationen oder Erschütterungen, die durch die aufgebaute Körperspannung entstehen. Gehen sie anschließend in Zeitlupentempo in die Gegenbewegung und biegen den Oberkörper nach vorne, lassen den Kopf und die Arme nach vorne baumeln. Es geht nicht darum, den Boden mit den Händen zu berühren sondern wie eine Qualle, den Oberkörper locker baumeln zu lassen. Auch hier lassen sie die Knie leicht gebeugt.

Wechseln sie mehrmals zwischen den Positionen und achten sie auf Vibrationen im Körper, lassen sie ihre Atmung locker fließen. Am Schluss stellen sie sich aufrecht hin, schließen (falls noch nicht geschehen) die Augen und spüren der Übung in ihrem Körper nach. Wo sind warme Stellen, wo spüren sie Spannungen, wie ist ihre Atmung. Scannen sie ihren Körper vom Kopf bis zu den Zehen.

Wenn sie fertig sind, lockern sie sich gut aus, strecken und recken sie sich, stampfen mit den Füßen auf – fertig.

Sie werden merken, dass beide Übungen einerseits gut geeignet sind, rasch Entspannung herbeizuführen. Bei regelmäßiger Anwendung werden sie feststellen, dass es ihnen zunehmend leichter fällt, sich auf ihre und die Emotionen anderer Personen einzulassen.

Gerne stehen wir ihnen für weiterführende Fragen und Tipps zur Verfügung – nicht nur in unseren Coachings und Seminaren.

Viel Spaß beim Üben!

 

(1) Mayer, J. D., Caruso, D. R. & Salovey, P. (2000). Emotional intelligence meets traditional standards for intelligence. Intelligence, 27, 267 – 298

(2) Ofner, L. (2013). Körper und Emotion. Saarbrücken: AV Akademikerverlag / Universität Wien.

(3) Lowen, A. (1977). Bioenergetik für jeden (15. Auflage 2010).( Titel der engl. Orginalausgabe 1977: The way to vibrant health) München: P. Kirchheim Verlag.

Lukas Ofner-Ressler
lukas.ofner-ressler@consiglieria.com
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