Arbeitszeit und Produktivität

Arbeitszeit und Produktivität

Arbeitszeit und Produktivität

Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Arbeitszeit und Produktivität? Sind viele Überstunden ein Maß für höheren Arbeitsoutput?

Vor Jahren gab es einen Werbespot eines österreichischen Energieversorgers, in dem man einen jungen Angestellten sah, der jeden Abend vor dem nach Hause gehen die Leselampe seines Schreibtisches einschaltete. In der nächsten Einstellung sah man den Firmenboss, der aus seiner Limousine spätnachts hinausblickte, das erleuchtete Bürofenster des Angestellten sah und seinen Chauffeur fragte, wer da noch so spät arbeite. Der Chauffeur antwortete mit dem Namen des Mitarbeiters und der Boss sagte zu sich: „Guter Mann, den muss ich mir merken!“.

Passend zu dieser Anekdote merkt man im Gespräch mit Führungskräften oder Unternehmern, dass es bei ihnen eine Art verdeckten Wettbewerb um die meisten dauerhaft geleisteten Arbeitsstunden gibt. Teilzeitführungskräfte oder Unternehmer mit Sechs-Stunden-Tag werden milde belächelt – sofern es sie überhaupt gibt bzw. diese sich outen. Wer überdurchschnittlich viele Stunden des Tages durch den Arbeitsprozess blockiert, ist super, alle anderen sind mau, scheint die Maxime zu sein.

In unserer Gesellschaft werden demnach Arbeitszeit und Produktivität gedanklich linear gekoppelt – viele zusätzliche Arbeitsstunden bedeuten große erbrachte Arbeitsleistung. Anders gesagt: Anwesenheit zählt mehr als effiziente und effektive Produktivität.

Aus der Sicht des Individuums könnten die Gründe für diese (in vielen Fällen freiwillige) Kopplung darin liegen, von außen als ausdauernd, motiviert, leistungsstark, engagiert und bis zum äußersten bereit gesehen zu werden. Man beweist körperliche Energie und Ausdauer. Man ist in der Lage länger und härter als andere zu arbeiten. Wichtig ist dabei der direkte Vergleich mit anderen – denn wem nutzen lange Arbeitszeiten, wenn niemand sie sieht? Es handelt sich also um eine Art Self-Promotion(1), ähnlich dem Trend zu extremen und außergewöhnlichen sportlichen Leistungen in der Freizeit. Das bedeutet, man stellt sich selbst kompetent dar, indem auf die eigenen Fähigkeiten und Leistungen verwiesen wird.

Aus Sicht von Organisationen machen lange Arbeitsstunden aus anderer Perspektive Sinn. Durch die verpflichtende Anwesenheit der Individuen im Betrieb entsteht die Illusion der Kontrolle über diese. Illusion deshalb, weil lediglich die körperliche Anwesenheit einer Person im Betrieb kontrolliert werden kann. Ob die Person ihre Potenziale und Fähigkeiten in optimaler Weise zum Wohle der Firma einsetzt, lässt sich damit keinesfalls kontrollieren(2).

Arbeitszeit gekoppelt mit verpflichtenden und vorgegebenen Leistungsinhalten, wie z.B. einer zu erreichenden Stückzahl in der Produktion empfiehlt sich dennoch nicht als Mittel der Wahl. Diese Situation ist für Menschen sehr belastend und führt aufgrund des hohen Drucks und der damit verbundenen gesundheitlichen Beeinträchtigung oftmals zu Belegschaftsausfällen. Im Bereich wissensintensiver Berufe führen solche Modelle sogar zu einer Verschlechterung der Produktivität. Man überprüfe dazu gedanklich die Sinnhaftigkeit einer Vorgabe wie z.B. „7 kreative Einfälle in 8 Stunden“ – geht aus unserer Sicht gar nicht!

Einziger verbleibender Vorteil der Stechuhr: Arbeitszeit lässt sich wesentlich besser kontrollieren und in Zahlen fassen als Arbeitsleistung oder Produktivität.

Moderne Unternehmen beginnen hier jedenfalls umzudenken. Gerade die Produktivität in der Wissensarbeit lässt sich nicht auf geregelte Arbeitsstunden beschränken und schon gar nicht durch ein höheres Stundenausmaß steigern. Benefits wie Teleworking, Homeoffice, flexible Arbeitszeiten, Zeitbudgetkonten oder alle Formen ziel- und leistungsorientierter Arbeitsmodelle unterstützen das kreative Potenzial des Menschen und erhöhen den produktiven Output eines Kopfarbeiters.

Das entgegengebrachte Vorschuss-Vertrauen seitens der Organisation wirkt sich obendrein günstig auf das Betriebsklima, die Arbeitszufriedenheit, Loyalität und das Gefühl der Betriebszugehörigkeit aus.

Um uns nicht falsch zu verstehen: es gibt selbstverständlich Phasen mit hohem Arbeitsaufkommen, die deutlich mehr Zeitaufwand notwendig machen als üblich.
Doch ist das eine grundsätzlich andere Sache, als überdurchschnittlich lange Arbeitszeiten als (womöglich einziges) Maß für die Produktivität zu halten.

Und das alles ist letztlich eine Frage der gelebten Organisationskultur.

By the way: wie sieht denn die Kultur ihrer Organisation aus?

(1) Bolino, M. C., et al. (2008) A Multi-Level Review of Impression Management Motives and Behaviors. Journal of Management, 34 (6), 1080-1109.

(2) Vgl. Elšik, W. (2011) Körper. Macht. Organisation. Vortrag IOA ® Fachtagung 2011: Interkulturelles Lernen aus handlungsorientierter Perspektive. Körperkonzepte-Körperwahrnehmung-Körperarbeit.

Lukas Ofner-Ressler
lukas.ofner-ressler@consiglieria.com
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